Die Geburtsstunde des Brezelfestes

Sieben Jahre nach Gründung des "Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs in Speyer", heute kurz “Verkehrsverein Speyer e.V." genannt, bedauerte dessen Führungsspitze die schlechte wirtschaftliche Situation in der ehrwürdigen Domstadt. Kurzerhand wurde beschlossen ein Fest auf die Beine zu stellen, das den zahlreichen Bierbrauern und Brezelbäckern, den Gutselbäckern und auch den Tabakfabrikanten der Stadt einen zusätzlichen Umsatz sichern sollte. Das Brezelfest war geboren!

 Im Januar 1910 hatte der Verkehrsverein zu einer Sitzung ins Nebenzimmer des Wittelsbacher Hofes eingeladen, zu der die Vertreter aus den Kreisen der Speyerer Industrie, des Kleinhandels, des Handwerks und Gewerbes erschienen. Man suchte nach Möglichkeiten den Fremdenverkehr der Kaiserstadt zu heben. Der Anekdote nach flüsterte Herr Straßer  - genannt ”Lack-Strasser“ - anlässlich dieser Sitzung dem damaligen Vorsitzenden des „Vereins zur Förderung des Fremdenverkehrs in Speier“, Herrn Rechtsanwalt Dr. Hermann Vollmer, folgenden Satz ins Ohr: ”Wie wärs wann mer en BrezeImarkt abhalte däten. Saachen se awwer nix, sunscht lachen se uns aus”. Dieser Moment ist an allem Schuld. Die historisch gewordene Sitzung endete nämlich damit, dass man beschloss, der Abhaltung eines Verkehrstages näher zu treten. Bereits in der nächsten Sitzung des Verkehrsvereins wurde beschlossen, noch im gleichen Sommer versuchsweise einen ”Speyerer Verkehrs- und Bretzeltag”, wie damals noch das Brezelfest genannt wurde abzuhalten.
In einer anderen, seltener geschilderten Version war es der Malermeister und spätere Bürgermeister Franz Stützel. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Idee eines Brezelfestes von Herrn Straßer kam, da diese Darstellung Hermann Vollmer selbst in einem Beitrag für die Brezelfestschrift 1931 beschrieb. Überdies wurde diese Interpretation in jüngster Zeit auch von Herrn Neubauer, Präsident der Speyerer Kegelgesellschaft, anlässlich der 125 Jahrfeier der Kegelgesellschaft im Mai 2001 vertreten. Herr Neubauer führte aus, dass Heinrich Strasser beim Kegeln im Gesellschaftshaus der Kegelgesellschaft den Justizrat Dr. Vollmer, welcher von 1903 bis 1909 Präsident der Gesellschaft war, auf die Idee brachte, das Brezelfest ins Leben zu rufen.
Rückblickend betrachtet, war es weder ein stadtgeschichtlicher Anlass, dem das Brezelfest seine Entstehung verdankt, noch lag die Absicht vor, nur des Feierns wegen ein Fest zu veranstalten. Vielmehr standen rein wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund. Der Absatz zumindest einiger Speyerer Erzeugnisse sollte durch den Verkehrs- und Bretzeltag gefördert werden. In erster Linie das Bier, die Brezel und die Zigarre. Immerhin waren Ende des 19. Jahrhunderts rund 1.250 Arbeiter allein im Brauwesen und mit der Zigarrenherstellung beschäftigt. Ferner waren 15 Brezelbäckereien als Handwerksbetriebe registriert. Die bekanntesten waren seinerzeit die Bäckereien Kling und Ochsner.
Folgerichtig hatte man bewusst im ersten Jahr des Brezelfestes von einem Volksfest mit Festplatzbetrieb abgesehen, da es wünschenswert erschien, dass sich die Festbesucher in die vielen Wirtschaften der Stadt verteilen sollten. Ferner war man sich im Vorstand des Verkehrsvereins einig, dass das Festbier nur aus heimischen Braukesseln kommen durfte. Darüber hinaus wurde 1910 statuarisch festgelegt, das ausschließlich Speyerer Festwirte den Bierausschank übernehmen durften.
Was aber veranlasste den Verkehrsverein das Fest unter das Motto der Brezel zu stellen? Daran war die Treue der Speyerer zur Tradition des Brezelbackens und auch zum Brezelessen durch viele Jahrhunderte hindurch ursächlich. Die Brezelbäckerei war früher ein weit verbreitetes Handwerk welches sich aber besonders in Speyer bis in die neueste Zeit erhalten hat. Wann in Speyer die erste Brezel gebacken wurde, kann nicht eindeutig geklärt werden. Sicher ist aber, dass sie schon lange vor der ersten Erwähnung im Jahr 1593, in dem sie als Fastenspeise im Ratsprotokoll genannt wird, in Speyer verbreitet war. Jedenfalls dürfte diese lange Tradition im Jahre 1910 die Verantwortlichen des Verkehrsvereins veranlasst haben, nicht nur von einem Verkehrs- sondern auch von einem Bretzeltag zu sprechen.